Leseprobe

Melanie Wiesenthal

Anna an der Kieler Förde

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Kapitel 1
Freitag, später Nachmittag in Hamburg. Der Himmel ist grau und es nieselt. Die zehnjährige Anna ist schwer damit beschäftigt, ihren Rucksack zu packen. Vom Regen bekommt sie überhaupt nichts mit. Gerade stopft sie ihr blaues Lieblings-T-Shirt in den Rucksack, als sie von unten die Stimme ihrer Mutter hört. »Anna, bist du fertig mit packen? In einer knappen Stunde müssen wir los!« Anna bekommt den vollen Rucksack gerade noch zu und stürzt dann eilig die Treppe hinunter. »Ich bin schon unterwegs.« Im Flur stehen bereits zwei vollgepackte Koffer bereit. Annas Mutter lächelt das aufgeregte Mädchen an. »Ist dir der Rucksack auch nicht zu schwer? Wir fahren mit dem Zug nach Kiel und dann erst mit dem Bus nach Friedrichsort.«
Anna richtet sich selbstbewusst auf. »Das schaff´ ich locker. Ich bin doch kein Baby mehr!« Annas Mutter streicht ihr liebevoll über den blonden Haarschopf und hebt dann sicherheitshalber doch den Rucksack an, um sein Gewicht zu prüfen. »Okay. Aber wenn du nicht mehr kannst, dann sagst du Bescheid! Dann muss Papa ran.« Annas Mutter schaut auf die Uhr.

»Wo bleibt er denn? Er wollte doch heute schon früher im Büro Schluss machen ...« »Und was machen wir, wenn er zu spät kommt und wir den Zug nicht erwischen?«, fragt Anna aufgeregt.
Doch ihre Mutter beruhigt sie. »Dann nehmen wir einfach den nächsten Zug und rufen bei Oma und Opa an, dass wir ein bisschen später kommen!«
Doch in diesem Moment hören sie den Schlüssel in der Haustür und eine Sekunde später kommt der Vater herein. Anna fliegt ihm um den Hals. »Endlich!«
Ihr Vater umarmt sie herzlich und bemerkt dann die beiden Koffer und den Rucksack. Er geht zu seiner Frau und begrüßt sie liebevoll mit einem Kuss. »Danke, dass du die ganze Packerei für mich übernommen hast.« Annas Mutter lächelt: »Bis auf Annas Rucksack. Den hat sie ganz alleine gepackt.« Anna nickt eifrig. »Und das Bild, das ich für Oma Rieke und Opa Horst gemalt habe, habe ich auch nicht vergessen!« Anna schaut ihre Eltern an und drängelt.»Aber jetzt müssen wir doch los, oder?«
Ihr Vater winkt ab.

»Der Hauptbahnhof ist doch gleich um die Ecke. Lass mich eben noch meine Bürokluft gegen etwas Bequemes austauschen. Das dauert auch nicht lang.« Während ihr Vater im Schlafzimmer verschwindet, tänzelt Anna aufgeregt zwischen Flur und Küche hin und her, wo ihre Mutter noch ein paar Brote und Obst für die Fahrt einpackt. Dann ist es endlich so weit. Gemeinsam gehen die Drei aus dem Haus. Zum Glück hat es aufgehört zu regnen und sie kommen trocken am Hamburger Hauptbahnhof an. Ihr Vater zeigt Anna die große Informationstafel, wo die einfahrenden Züge aufgelistet sind. Anna findet recht schnell das Gleis, an dem ihr Zug nach Kiel abfährt. »Gleis sieben«, ruft sie. Am Bahnsteig angekommen, ertönt eine Durchsage, dass die Passagiere zurücktreten sollen, weil der Zug einfährt. Anna und ihre Eltern finden schnell ihre reservierten Plätze. Während ihr Vater noch das Gepäck verstaut, sichert sich Anna schon den Fensterplatz. Der Zug fährt ab und Anna schaut erst interessiert aus dem Fenster. Doch als sie die Stadt verlassen haben und über Land fahren und nur noch Felder und Bäume am Zugfenster vorbeirauschen, löchert sie ihre Eltern lieber über all die spannenden Dinge, die sie in der Woche bei Oma Rieke und Opa Horst unternehmen wollen.

Am meisten freut sich Anna auf den Delphin Fiete, denn Delfine sind ihre absoluten Lieblingstiere. »Wann besuchen wir Fiete?« Annas Mutter lächelt: »Fiete kann man nicht besuchen. Der lebt ja in Freiheit und nicht in einem Delphinarium.« Annas Vater ergänzt: »Aber wenn wir Glück haben, dann sehen wir ihn, wenn wir mit Oma baden gehen.« »Wir MÜSSEN einfach Glück haben«, hofft Anna. »Ich hab doch auch immer meine Halskette mit dem Delfin-Anhänger um!« Annas Vater lächelt: »Das hilft ganz bestimmt! Aber heute müssen wir erst einmal ankommen, auspacken und Oma und Opa begrüßen. Und dann unternehmen wir jeden Tag in dieser Woche etwas anderes. Und dir wird alles gefallen, versprochen!«
Anna nickt zufrieden.
»Hat jemand Hunger?«, fragt Annas Mutter. Anna schüttelt den Kopf. »Ich warte lieber aufs Abendessen. Oma Rieke kocht doch immer so leckere Sachen!«
Annas Mutter lächelt und meint dann gespielt beleidigt: »Und was ist mit mir? Bin ich etwa eine schlechte Köchin?!« Anna entgegnet: »Du willst immer, dass ich Spinat esse, iiiiiiih!«
Annas Vater erwidert: »Nix iiiiiih, Spinat ist total gesund!«

Anna schüttelt sich, »NEE! Das ist so schleimig und klebt immer an den Zähnen …« Inzwischen hat sich Annas Vater ein belegtes Käsebrot geschnappt, denn er hat seit dem Mittagessen im Büro nichts mehr gegessen. Nach etwas mehr als einer Stunde fährt der Zug auch schon in den Kieler Hauptbahnhof ein. Anna springt sofort auf, als sie die Durchsage hört, und will ihren Rucksack wieder selber tragen. Ihr Vater gibt ihn ihr und hilft beim Umschnallen. Dann holt er noch die beiden Koffer und die Drei stellen sich in der Schlange im Gang an. Wenige Minuten später hält der Zug auch schon, die Türen gehen auf und die ersten Passagiere steigen aus. Annas Vater steigt als Erster der Drei aus, wuchtet die beiden Koffer aus dem Zug und hilft dann seiner Frau und Anna beim Aussteigen. Im Bahnhof schaut sich Anna mit großen Augen um. »Da hängen ja Segel?!« Annas Mutter nickt. »Ja, das ist wegen der Kieler Woche, davon haben wir dir doch erzählt!« Anna strahlt: »Genau, da kommen gaaaanz viele Segelschiffe nach Kiel. Die will ich alle sehen!« Annas Vater lächelt: »Keine Sorge das wirst du auch!« »Können wir gleich gucken gehen?!«, erwidert Anna sehnsüchtig. Doch ihr Vater schüttelt den Kopf: »Nein, dazu wollen wir uns richtig viel Zeit nehmen. Und am besten auch an einem Tag hingehen, an dem die Sonne scheint. Da haben wir dann viel mehr davon!« Das sieht Anna ein. Außerdem freut sie sich ja auch darauf, endlich ihre Großeltern wieder zu sehen. Die Drei verlassen den Bahnhof und schauen sich auf einem großen Vorplatz um. Hier stehen überall Taxen. Doch dafür hat Anna keinen Blick. Sie sieht zu ihrer Rechten jede Menge Schiffsmasten.
»Komm mit, hier geht es zum Busbahnhof! Dort finden wir dann auch unseren Bus.«, Die Mutter nimmt Anna an die Hand, damit sie ihr folgt. »Welchen Bus müssen wir denn nehmen?«
»Den mit der Nummer 502«, erklärt die Mutter und zerrt Anna zu einer Bushaltestelle neben dem Bahnhof. Erst als die Schiffsmasten aus Annas Blickfeld verschwinden, sieht sie die vielen Bushaltestellen. »Da ist die 502«, sagt der Vater, während er zu einer Bushaltestelle zeigt. Gemeinsam laufen sie zum Bus, steigen ein und Anna ist erleichtert, als sie ihren Rucksack abnehmen und sich wieder setzen kann. Doch Anna würde nie zugeben, dass ihr der Rucksack doch etwas zu schwer ist. Mit ihren Eltern sitzt sie am Fenster und schaut hinaus.
Es hat wieder zu regnen begonnen. Noch ein paar Fahrgäste steigen ein, dann fährt der Bus auch schon los. Gespannt schaut Anna aus dem Fenster. Nach ein paar Haltestellen fahren sie am Bootshafen vorbei. Aber als Anna diesen erblickt,

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ist sie enttäuscht. Sie hatte gehofft, dass sie dort ein paar von den tollen Segelschiffen sehen kann. Doch der Bootshafen ist so etwas wie ein dreieckiger See - viel zu klein für große Segelschiffe. Als sie den Rathausturm entdeckt, ist sie total begeistert. »WOW! Auf der Spitze des Turmes ist ja eine Goldkugel!« Annas Mutter erklärt, dass das der Turm zum Kieler Rathaus gehört. Ihr Vater ergänzt, dass der Turm 106 m hoch und eines der Wahrzeichen von Kiel ist. Der Bus fährt weiter und Annas Augen werden müde. Langsam fallen sie ihr zu. Sie döst ein, den Kopf an die Schulter ihrer Mutter gelegt. Als sie später die Augen wieder öffnet, blickt sie direkt auf eine große Wasserfläche zu ihrer Rechten. Schlagartig ist sie munter. »Können wir jetzt Fiete sehen? Wir sind doch am Meer, oder nicht?!« Annas Vater erklärt ihr, dass das nicht das offene Meer ist, sondern der Nord-Ostsee-Kanal. Der verbindet die Nordsee mit der Ostsee und ist die künstliche Wasserstraße, auf der weltweit die meisten Seeschiffe fahren. Anna sieht die Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals. Dort warten einige Schiffe darauf, in den Kanal hineinfahren zu können. »Hmmm«, brummelt Anna. Der Delfin Fiete hätte sie wesentlich mehr interessiert als so ein oller Kanal. Während der Regen unaufhaltsam gegen die Busfenster
prasselt, döst Anna wieder ein und träumt von Fiete.

Als sie im Traum gerade mit Fiete durch das sonnenüberflutete Meer tollt, wird sie behutsam von ihrer Mutter geweckt. »Anna, aufwachen! Wir sind da!« Benommen rappelt Anna sich auf. Während ihr Vater das Gepäck nimmt, stehen Anna und ihre Mutter am Ausgang und warten, dass der Bus anhält. Dann steigen sie aus und ihr Vater gibt ihrer Mutter eine Tasche und Anna den Rucksack. Er schnappt sich die beiden Koffer und Anna blickt auf das Haltestellenschild: »Brauner Berg.« Gemeinsam laufen sie ein Stück zurück und Anna entdeckt einen Leuchtturm. Aber irgendetwas ist hier falsch. Warum steht der hier mitten im Ort und warum sieht er so seltsam aus? »Kann man auf den Leuchtturm gar nicht hochsteigen?«, fragt Anna.
»Nein, der steht hier nur noch als Denkmal. Das ist nämlich ein Teil des alten Leuchtturmes. Den neuen siehst du, wenn wir zum Strand gehen«, erklärt ihre Mutter.

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Anna nickt ihr zu und folgt ihren Eltern weiter die kleine schmale Straße entlang. Sie sieht aus wie eine kleine Einkaufspassage. »Ist es noch weit?«, fragt Anna nach einer Weile. »Ein paar Minuten sind es schon noch«, erklärt die Mutter, während sie einen weiteren schmalen Weg einschlagen. »Schau! Dahinten das letzte Haus ist es schon.« Sie folgen dem Weg bis ans Ende und ihre Mutter will gerade an der Tür klingeln, als die Oma bereits die Tür öffnet. »Immer hereinspaziert! Hattet ihr eine gute Reise?«, fragt sie alle drei und drückt ihre Tochter an sich.
»Ja, wir sind gut durchgekommen«, antwortet der Vater, während Anna ihre Oma anschaut. »Ja, wer bist du denn? Ist das etwa meine kleine Anna? Du bist aber groß geworden!«, freut sich die Oma und drückt nun auch sie. »Ja, es ist schon eine Weile her, als wir das letzte Mal hier waren«, stimmt die Mutter zu. »Ein ganzes Jahr! Wo habt ihr euch nur herumgetrieben?«, fragt die Oma lachend, während sie auch den Vater begrüßt. »Es war sehr schwer überhaupt mal Urlaub zu bekommen«, antwortet die Mutter, während der Vater das Gepäck ins Haus bringt.
»Aber jetzt habt ihr endlich Zeit und dann auch noch zur Kieler Woche. Das wird bestimmt spannend für Anna!«

»Das denken wir auch. Wir haben viel vor. Aber auch ihr werdet nicht zu kurz kommen. Wir haben euch sogar etwas mitgebracht«, lächelt die Annas Mutter und umarmt ihre Mutter noch  einmal. Gemeinsam gehen sie ins Wohnzimmer, wo der Opa auf alle wartet, da der Flur sehr klein ist. »Herzlich willkommen«, begrüßt Annas Großvater die Runde. Noch einmal werden alle umarmt, dann packt die Mutter ein Geschenk aus. Es ist ein recht großes, in grünem Geschenkpapier eingewickeltes, viereckiges Paket. Annas Eltern übergeben das Geschenk gemeinsam.
»Es ist von uns allen«, erklärt die Mutter als die Oma und der Opa das Paket entgegennehmen. Vorsichtig packen die beiden das Geschenk aus und zum Vorschein kommt ein großer Bilderrahmen mit zehn verschiedenen Fotos von Anna, dem Vater und der Mutter. »Sozusagen als Entschädigung, weil wir so lange nicht da waren«, lächelt die Mutter, während der Oma die Tränen in die Augen steigen. »Das ist so lieb von euch«, bedankt sie sich. »Wirklich schön! Das hängen wir uns an die freie Wand am Esstisch«, sagt der Opa. Ein weiteres Mal werden alle umarmt. »Und jetzt bist du dran, Anna«, sagt die Mutter. »Sie hat auch etwas für euch.«

»Endlich«, rutscht es Anna heraus. Sie wühlt in ihrem Rucksack herum und holt dann eine Mappe heraus. »Das ist für euch«, sagt Anna, während sie ein Bild aus der Mappe nimmt. Es ist eine Zeichnung von Anna, und ihren Eltern am Meer. Auf dem Meer hat sie außerdem jede Menge Schiffe gezeichnet. »Das könnt ihr euch einrahmen«, sagt die Mutter. »Dann werden wir alle an diese schöne Woche denken.« Der Opa nimmt das Bild von Anna entgegen und ihre Großeltern drücken Anna noch einmal. Nach der Geschenkübergabe deckt die Oma den Esstisch
und die Mutter hilft bei der Vorbereitung. Die Oma hat das Abendessen bereits vorgekocht, sodass es nur noch einmal aufgewärmt werden muss. Gemeinsam essen sie Omas leckeren Nudelauflauf. Noch lange unterhalten sich die Erwachsenen. »Darf ich einen Trickfilm schauen? Mir ist langweilig!«, fragt Anna ihre Mutter. »Natürlich«, sagt sie und Anna läuft zum Sofa und schaltet den Fernseher ein. Dort schaut sie einen Trickfilm nach dem anderen und bekommt von den Gesprächen ihrer Eltern und Großeltern nichts mit. Ohne es selbst zu merken, schläft sie dabei ein. Sie bekommt nicht einmal mit, dass ihr Vater sie ins Gästezimmer bringt, aufs Bett legt und zudeckt.

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Buchinfos

  • Titel: Anna an der Kieler Förde
  • Autor: Melanie Wiesenthal
  • Illustrator: Melanie Wiesenthal
  • ISBN: 9783944873237
  • Genre: Kinderbuch
  • Umfang: 120 Seiten
  • Format: A5, Hardcover
  • Empfohlenes Alter: ab 8 Jahre
  • Preis (Print): 14 Euro
  • Verfügbar (Printbuch): shop.carow-verlag.de